Es ist eine der unbequemen Fragen der Digitalisierung: Wie abhängig sind wir eigentlich von digitalen Infrastrukturen, deren Kontrolle wir nicht in der Hand haben? Die Abhängigkeit von amerikanischen Tech-Unternehmen wie Microsoft, Apple, aws oder Google war lange ein theoretisches Risiko. Seit den politischen Entwicklungen rund um die Trump-Administration ist es ein reales: Exportbeschränkungen und transatlantische Spannungen zeigen, wie schnell sich Spielregeln ändern können. Hinzu kommen strukturelle Risiken wie der CLOUD Act und rechtliche Unsicherheiten rund um Cloud-Dienste. Die Verunsicherung in deutschen Unternehmen ist real. Und sie ist berechtigt.

Eines vorweg: Digitale Abhängigkeit und somit mangelnde Souveränität ist kein Problem, das ein einzelnes Unternehmen alleine lösen kann. Es braucht politische Rahmenbedingungen, europäische Initiativen und klare rechtliche Grundlagen. Trotzdem sind Sie nicht machtlos. Es gibt konkrete Schritte, die Sie heute einleiten können – ohne voreilig Technik auszutauschen und ohne in Aktionismus zu verfallen.

Was bedeutet Digitale Souveränität?

Digitale Souveränität ist ein vielzitierter Begriff, aber was genau steckt dahinter? Unser Verständnis: Digitale Souveränität ist die unternehmerische Fähigkeit, Wahlfreiheit bei digitalen Technologien zu bewahren, kritische Abhängigkeiten transparent zu machen und die Kontrolle über geschäftskritische Daten und Prozesse zu sichern.

Das ist bewusst kein rein technisches, sondern ein strategisches Verständnis. Es lässt sich in drei Dimensionen aufteilen.

Dimension 1: Technische Souveränität

Technische Souveränität beginnt nicht damit, bestehende Systeme zu ersetzen – sie beginnt mit Verstehen. Wissen Sie, welche Systeme und Plattformen in Ihrem Unternehmen im Einsatz sind? Wo bestehen kritische Abhängigkeiten? Welche Workloads sind geschäftskritisch? Nur wer seine eigene IT-Landschaft kennt, kann strategisch steuern statt reaktiv handeln. Es geht nicht darum, jeden Service von „Big Tech“ aus USA durch europäische Alternativen zu ersetzen, sondern bewusst zu wählen.

Dimension 2: Datensouveränität

Die zentrale Frage lautet: Wissen Sie, wo Ihre Daten liegen, wer darauf zugreifen kann und unter welcher Jurisdiktion sie stehen? Datensouveränität bedeutet nicht Daten-Autarkie. Es geht um bewusste Kontrolle – über Speicherorte, Zugriffsrechte und Verschlüsselung. Nicht alle Daten sind gleich kritisch. Entscheidend ist, zwischen schutzwürdigen und unkritischen Daten zu unterscheiden und entsprechend differenziert zu handeln.

Dimension 3: Organisatorische Souveränität

Souveränität entsteht durch Kompetenz, nicht durch Ownership. Die entscheidende Frage: Haben Sie intern genug Know-how, um im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben – oder sind Sie vollständig von externen Dienstleistern abhängig? Ziel ist nicht vollständige Unabhängigkeit, sondern Vorbereitung: Notfallpläne, dokumentiertes Wissen, definierte Verantwortlichkeiten.

Realitätscheck: Was ist realistisch erreichbar?

Vollständige digitale Souveränität ist möglich – aber zu einem sehr hohen Preis. Wer große Vendoren ersetzt, muss mit erheblichen Migrationskosten, möglichem Funktionsverlust und einem technologischen Rückschritt rechnen. Gerade hochintegrierte Produktwelten lassen sich nicht einfach austauschen.

Die Marktlage ist zudem uneinheitlich:

  • In manchen Bereichen, etwa bei ERP-Systemen, gibt es eine breite Auswahl an europäischen und deutschen Herstellern mit vollwertigen Alternativen.
  • In anderen Bereichen, insbesondere bei Office- und Kollaborationstools, existieren derzeit keine vollwertigen europäischen Pendants zu M365 oder der Google Suite, die mit deren Leistungsumfang mithalten.

Das Grundrisiko lässt sich nicht vollständig eliminieren. Aber es lässt sich managen – durch Transparenz, Vorbereitung und kluge Architekturentscheidungen.

Was können Sie heute tun?

Statt auf eine fertige Lösung zu warten, empfehlen wir einen strukturierten Selbst-Check. Vier Schritte, die sofort umsetzbar sind:

Schritt 1: Schwachstellen identifizieren, z.B.

  • Welche Systeme sind kritisch für Ihr Geschäft – ERP, Middleware, Kommunikation?
  • Wo liegen Single Points of Failure?
  • Welche Daten sind besonders schutzwürdig?

Schritt 2: IT-Architektur bewerten, z.B.

  • Ist Ihre Architektur modular aufgebaut? Können einzelne Komponenten ausgetauscht werden?
  • Gibt es Backup-Strategien für kritische Funktionen?

Schritt 3: Wissensmanagement aufbauen, z.B.

  • Ist Ihr IT-Wissen dokumentiert?
  • Sind Sie von einzelnen Personen oder Dienstleistern abhängig?
  • Wo fehlen interne Kompetenzen für kritische Systeme?
  • Haben Sie ein Enterprise Architecture Management?

Schritt 4: Datensouveränität priorisieren, z.B.

  • Wo liegen Ihre Daten physisch und unter welcher Jurisdiktion?
  • Wer hat Zugriff und ist dieser Zugriff kontrolliert?
  • Ist Verschlüsselung mit eigener Schlüsselhoheit möglich?

Fazit

Wir haben in den letzten Wochen viele Gespräche zu diesem Thema geführt. Was uns dabei auffällt: Die Unsicherheit ist konkret und die Fragen drängend. Gleichzeitig gibt es keine einfachen Antworten, und wir wären nicht ehrlich, wenn wir so täten, als ob es sie gäbe.

Was es gibt: pragmatische Schritte, die heute umsetzbar sind. Transparenz über die eigene IT-Landschaft. Kontrolle über Daten – auch innerhalb bestehender Systeme. Und einen Notfallplan, der nicht erst im Ernstfall entwickelt werden muss.

Wenn Sie sich zu dem Thema austauschen möchten, kommen Sie gerne auf uns zu.

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